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Über Mathias

Pressespiegel

07.10.2003 00:30:10
Der Nil fließt jetzt durch das Ruhrgebiet
Westdeutsche Allgemeine Zeitung
Man hofft bescheiden zumindest auf ein gutes Jahr. Und das Musical "Aida" hat jenseits des großen Teiches nicht von ungefähr vier Tony Awards und einen Grammy Award eingeheimst. Die mit viel Tamtam eingeläutete Premiere im Essener Colosseum Theater bietet durchaus Anlass zu Hoffnungen.

Ist "Aida" nicht jene Oper von Giuseppe Verdi, die eigentlich zur Eröffnung des Suezkanals gespielt werden sollte und mit dem Triumphmarsch einen Klassik-Hit hat? Genau. Leonard Bernsteins ruhmreiche "West Side Story" geht auf Shakespeares "Romeo und Julia" zurück. Und Andrew Llloyd Webbers "Cats" hat mit den Gedichten von T. S. Eliot auch keinen schlechten Paten. Der Komponist Sir Elton John und sein bewährter Texter Sir Tim Rice sind also nicht allein.

Und sie nutzen Verdis grandiose Oper wirklich nur als Handlungsgerüst (also kein Triumphbeat), wobei die traurige Dreiecksgeschichte von der nubischen Prinzessin Aida, dem ägyptischen Helden Radames und seiner ihm versprochenen Prinzessin Amneris noch etwas anders gelenkt ist als im Original. Man erfährt, wenn auch nicht ganz ohne Plattitüde, von der Gewalt der Väter, von der vernichtenden Kraft politischer Intrigen. In der Musical-"Aida" taucht sogar Zosar auf, der böse Papa von Radames. Es gibt schöne Lebensweisheiten wie "Wer Mut hat, hat auch Glück" und "Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm".

Das Ganze lief schon anderswo, in New York und Scheveningen. Es gibt in der wohl für Essen überarbeiteten Inszenierung der deutschen Erstaufführung von Robert Falls viel zu sehen. Die Idee, das Drama aus einem Museum der Gegenwart zu entwickeln, hatten freilich schon andere. Der Regisseur Pet Halmen etwa. Falls arbeitet solide, schafft klare Figurenkonstellationen und ist nicht durchweg ein Freund der übergroßen Geste.

Wie's sein muss in der Sphäre des Broadway, ist alles bunt und bewegt. Bühne und Kostüme (Bob Crowley) bieten Opulentes. Mit Palmen, Schiffen, Nil und Gruft, in der die verbotene Liebe zumindest vorläufig für Radames und Aida endet. Die Lichtregie (Natasha Katz) wird zur eigenen Kraft. Die Choregraphie von Wayne Cilento bleibt etwas bieder.

Früher einmal war es so, dass ein gutes Musical (die deutschen Texte stammen einmal mehr von Michael Kunze) von Ohrwürmern lebte. Wir denken an "Maria" aus der "West Side Story", an "All I ask of You" aus dem "Phantom der Oper" oder ganz altmodisch an "Singin' in the Rain" zum Beispiel. Elton John hat dereinst wirkliche eine reiche Fülle griffiger Songs geschrieben, wunderschöner Balladen, Evergreens. Den einprägsamen Ohrwurm bleibt er in seiner "Aida" letztlich doch schuldig. Von der Musik, die noch ab und zu an die gute alte Zeit Elton Johns erinnert, bleibt nicht allzu viel hängen. Sie dient dem Zweck, keineswegs schlechter als die "Elisabeth"-Musik, nähert sich Blues, Gospel, Rock, Pseudo-Exotismen.

Bob Edwards steht im Graben am Pult seines kleinen Ensembles: ein erfahrener Fährmann, ganz offensichtlich. Die da singen, machen ihre Sache gut: der sympathische, auch in Höhen sichere Schwede Mathias Edenborn (den man nicht immer textlich trefflich versteht) als Radames, der wendige Joel Karie als sein pfiffiger Kammerdiener Mereb, der ein wenig an den Pedrillo aus Mozarts "Entführung" erinnert und bei Verdi nicht vorkommt.

Die Amneris von Marciel zeigt am deutlichsten eine Entwicklung: vom eitlen Dummchen zum traurigen Frauchen. Marciel singt das alles nuancenreich mit viel Feeling. Und Florence Kasumba - wenn man so will: ein Essener Gewächs - erfüllt die Partie der Aida vokal mit imposanter Strahlkraft und darstellerisch selbstbewusst und gar nicht eindimensional bis zum bitteren Ende.

Musical will keine Oper sein. "Aida" ist von den Novitäten der letzten Jahre eine der besseren. Man wird unterhalten. Und so muss das auch sein.

Michael Stenger